Naturfarben aus Quark, Kalk und Leinöl

Erstes Leipziger Fachseminar unter Schirmherrschaft des Landratsamtes

Nicht nur sprichwörtlich "die Nase voll" von Testbenzin, Acryl, Polivinylacetat und Titanoxid in den heute üblichen Farben hatten die etwa 20 Teilnehmer des 1. Leipziger Fachseminars "Historische und moderne Farbtechniken mit natürlichen und giftfreien Materialien" am 12. und 13. Oktober. So enthält z. B. das übliche Lacklösungsmittel Testbenzin bis zu 3,5 % krebserregende Benzole und ist eine der Ursachen dafür, daß heute nachweisbar 3 bis 4 % aller Maler nach 30jähriger Berufstätigkeit chronische Gehirnschäden davon tragen, die im Endstadium zu Gehirnschwund führen. Neben den direkten Gesundheitsschäden steht die unmittelbare Umweltvergiftung. Für ein Kilo produziertes Wandfarben-Weißpigment Titanoxid fallen 8 Liter Dünnsäure (Schwefelsäure) an, für ein normales Zimmer also rund 20 bis 30 Liter, die in der Nordsee verklappt werden und sicher ihren Teil zum Robbensterben beitragen. Da entsprechend des Urteils des Münchener Landgerichtes Nr. 31 S 20007/89 die Vermieter in vollem Umfang für Schäden durch Wohngifte haftbar sind, suchen nicht nur Öko-Fanatiker nach einem Ausweg. Was tun? Seminarleiter und Naturfarbenhersteller Gert Ziesemann aus Sehlem bei Hannover lächelt und meint: "Es ist einfach banal. Nehmen Sie einfach dasselbe wie Michelangelo oder jeder Malermeister vor 70 Jahren." Der gelernte geologisch-paläntologische Präparator und Baubiologe suchte nach einem Ausweg aus der gesundheitsschädigenden Farbchemie und sammelte Farbrezepte aus alten hebräischen Texten bis hin zu Lehrbüchern der 30er Jahre, experimentierte viel und besitzt ein erstaunlich umfangreiches Fachwissen. Die Grundlagen historischer Farbtechniken sind schnell zu lernen. Innerhalb einer halben Stunde läßt sich eine Kaseinfarbe aus Kalk oder Borax vermischt mit Kasein (im Magerquark zu etwa 11 % enthalten) als Deckfarbe oder Lasur herstellen. Kaseinfarben haben gegenüber der ebenfalls umweltfreundlichen geleimten Wandfarbe den Vorteil, daß sie nicht abkreiden und mehrfach überstrichen werden können. In Leipzig wurden z. B. die Büroräume des Vereins für ökologisches Bauen damit in einem Anstrich deckend gestrichen. Für Feuchträume gibt man noch einige Tropfen Leinölfirnis dazu und erreicht so eine weitgehend wasserfeste Oberfläche. Neben dieser Technik wurde noch die Herstellung von Silikatfarben (auf Wasserglasbasis), Ölfarben (aus Leinölfirnis), Abbeizer, Fensterkitt und Spachtelmasse, Schellack, Holzwachse, Holz- und Fliesenkleber ausprobiert. Da viele dieser alten Farbtechniken jahrhundertelang angewendet wurden und für die fachgerechte Restaurierung von Denkmälern notwendig sind, übernahm das Referat Denkmalschutz im Landratsamt die Schirmherrschaft über das Seminar. Bei der Exkursion in die Herfurthsche Villa des Agra-Parkes konnten viele Techniken in natura betrachtet werden. Dem Malermeister Schell aus Waldheim möchten wir danken für seine engagierte Arbeit bei der Restaurierung der Villa und für die informative Führung. Vielen Dank auch dem Veranstalter "Grün-Alternatives Zentrum e.V." und dem Geutebrück Institut Leipzig, das die Räume zur Verfügung stellte.

Dipl. Ing. Detlef Körner Referat Denkmalschutz

Aus: Amtsblatt Leipzig , Oktober 1991